Das italienische Tempolimit

24. April 2007

Auf Italiens Autobahnen wird im Juli 1988 ein Tempolimit von 110 km/h auf Autobahnen und 90 km/h auf Landstraßen eingeführt. Die italienischen Behörden begründen die Neuregelung mit der hohen Zahl an Verkehrstoten in der Hauptreisezeit: Jedes Jahr sind 2000 der 7000 Verkehrstoten Opfer überhöhter Geschwindigkeit. Eine Überschreitung des neuen Limits um bis zu zehn Stundenkilometer kostet ein Bußgeld von umgerechnet 14 bis 28 Euro; wer noch schneller fährt, muss umgerechnet zwischen 70 und 420 Euro bezahlen. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Lennartz fordert, auf deutschen Autobahnen in der Hauptreisezeit ebenfalls Tempo 100 einzuführen. Dies wird von der Bonner Kohl-Regierung als „abenteuerlich“ bezeichnet und abgelehnt.

Im Herbst 1988 beschreibt der Italien-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Klaus Arnsperger, eine nicht überraschende Entwicklung des italienischen Termpolimit:

„Mythen führen ein zähes Leben. Zum Beispiel denken wir an die von der Autoindustrie und den ihr angeschlossenen Interessenverbänden in Fahrt gesetzte Behauptung zwischen der Geschwindigkeit einerseits und der Häufigkeit oder Schwere von Unfällen andererseits bestehe kein ursächlicher Zusammenhang … In Italien ist dieser Tage das Märchen von der ‚an sich’ harmlosen Geschwindigkeit aufs Neue widerlegt worden. Seit am 24. Juli das Höchsttempo von 140 auf 110 Stundenkilometer gesenkt wurde, hat es vollkommen unwiderlegbar weniger Unfälle, weniger Verstümmelte und weniger Tote gegeben … 2200 Unfälle weniger, mindestens 1900 Verletzte weniger, 150 Tote weniger, 34 Milliarden Lire weniger Schaden (ca. 34 Mill. DM oder 17 Mill. Euro; W. Z.). Aller Voraussicht nach wird jetzt auch Italien beim Tempolimit bleiben – möglicherweise höchstens 120 Stundenkilometer zugestehen. Ein lautes Bravo hat sich die Regierung in Rom verdient. Im Gegensatz zum Gezeter der italienischen Interessenverbände haben nämlich Umfragen klar bewiesen, dass eine Mehrheit der Italiener mit kürzeren Bremswegen durchaus zufrieden ist.“ Quelle

Anfang 1989 zieht Arnsperger dann erneut Bilanz: „Verglichen mit dem Jahr zuvor hat es 1988 auf Italiens Straßen 569 Tote weniger gegeben. 17 366 Menschen blieben Verletzungen und vielen für den Rest ihres Lebens nicht wieder zu behebende Verstümmelungen erspart. Allein im August 1988, der Hauptreisezeit, ist die Zahl tödlicher Unfälle auf den italienischen Autobahnen um 37,5 Prozent zurückgegangen – verglichen mit den Zahlen des Vorjahres … Gianni Agnelli, der Chef des Fiat-Konzerns, des mittlerweile größten europäischen Automobilherstellers, zählt übrigens keineswegs zu den grundsätzlichen Widersachern von Geschwindigkeitsbegrenzungen.“ Quelle

Ende Juli 1988 wendet sich Bundesverkehrsminister Jürgen Warnke (CSU) wieder einmal gegen eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Bonn bleibe auch angesichts des neuen italienischen Tempolimits und entsprechender Forderungen von SPD-Politikern bei einem eindeutigen „Nein“; unter Sicherheitsaspekten seien die deutschen Autobahnen in Europa unerreicht. Diese gebetsmühlenartig vorgetragene Behauptung aus dem Textbaukasten „Kein Tempolimit“ wird auch durch endlose Wiederholungen nicht wahrer. Wieso sind die deutschen Autobahnen in Europa unerreicht? Und gerade hier kann man etwas immer noch sicherer machen und Menschenleben retten.

Nach Ansicht des (damaligen) Grünen-Politikers Otto Schily würden „nicht nur das Mitgefühl und die Trauer über die Tausende von Toten und die Hunderttausende von Verletzten, die der Moloch Autoverkehr fordert, sondern auch die einfache wirtschaftliche Vernunft“ ein Tempolimit gebieten; er weist auch auf die wirtschaftlichen Schäden durch Verkehrsunfälle in Höhe von 38 Milliarden Mark (etwa 19,5 Mrd. Euro) hin. Hubert Weinzierl wirft der Bundesregierung einmal mehr „massives Versagen“ vor: „Es ist ein unbegreifliches Phänomen, dass man sich an diese Zerstörung der Natur offenbar schon als unabwendbares Schicksal gewöhnt hat, statt über Gegenmaßnahmen zu sprechen.“ Ende August schreibt Christian Schütze in seinem Kommentar „Ernte auf den Straßen“: „Die hysterische Reaktion auf das italienische Tempolimit hat gezeigt, dass man in Bonn unruhig wird, wenn andere Länder das nur noch kleine Lager der Raser-Nationen verlassen. Inzwischen … liegt die Zahl der schweren Unfälle um 40 Prozent niedriger als in früheren Ferienmonaten. Da wurden Leben gerettet, und viele wurden nicht verkrüppelt. In der Bundesrepublik dagegen gab es 10,5 Prozent mehr Tote und 12,7 Prozent mehr Verletzte.“

2 Kommentare zu “Das italienische Tempolimit”

  1. Umfrage Tempolimit ja oder nein? : Sicherheit meint:

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  2. Umfrage Tempolimit ja oder nein? : Sicherheit meint:

    [...] http://www.rasen-im-treibhaus.de/…/#comment-18 [...]

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